Nach zwölf Jahren Angst und Verfolgung war ich endlich frei

01.01.2012 – Lesezeit ~32 Minuten

Erinnerungen des Bad Lippspringer Zeitzeugen Elfried Naumann an die NS-Zeit 1933 bis 1945.

Einleitung

Es ist nach wie vor schwer in Worte zu fassen, welches Elend undmenschliches Leid von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft inden Jahren 1933 bis 1945 ausgegangen ist. Umso bedeutsamer ist es, dassZeitzeugen immer wieder bereit sind, über ihre persönlichen Erlebnisseund Erfahrungen zu berichten. Die individuell erlebte Geschichte bieteteinen Zugang zur „großen” Geschichte; durch die Erinnerungen vonZeitzeugen wird beispielsweise der gelebte Alltag im Nationalsozialismustransparent. Wichtig ist, diese Erinnerungen und Geschehnisseschriftlich - oder auf andere Art - festzuhalten für zukünftigeGenerationen.

Die Nürnberger Rassengesetze – auch „Ariergesetze” genannt – bildetenab 1935 die Grundlage für die Diskriminierung und Verfolgung der Juden.Die Nationalsozialisten verkündeten diese Gesetze am 16.09.1935 imReichsgesetzblatt.

Im Sprachgebrauch der NS-Administration gab es Einteilungen nach„Juden”, „Halbjuden” oder „Vierteljuden”. Als Folgewirkung aus denNürnberger Gesetzen mussten Juden ab 1941 im Reichsgebiet den gelbenJudenstern tragen. Zahlreiche Angehörige aus christlich-jüdischenFamilien (die Nationalsozialisten sprachen von „Mischehen”) erlebten dasSchicksal, zu Zwangsarbeit verpflichtet zu werden oder für dieOrganisation Todt arbeiten zu müssen. Auch der junge Elfried Naumann istim Jahr 1944 für die Organisation Todt zwangsrekrutiert worden, wie imfolgenden Zeitzeugenbericht deutlich wird. An vielen Orten musstenZwangsarbeiter in der Rüstungsproduktion arbeiten; dieNationalsozialisten organisierten „Vernichtung durch Arbeit” undbetrieben damit eine brutale Politik der Menschenvernichtung. Dieüberlebenden Zeitzeugen berichten von den grauenhaften Ereignissen, vonder Hetzjagd auf Juden, von den Deportationen.

Im Rahmen dieses Beitrags (konzipiert und bearbeitet von JoachimHanewinkel) werden zunächst einige historische Aspekte jüdischen Lebensin Bad Lippspringe dargestellt; die weiterführenden Veröffentlichungenzu diesem Thema sind im Literaturverzeichnis aufgeführt.

Die damalige Lebenssituation der Familie Naumann sowie der jüdischenVerwandtschaft wird im Kapitel 3 kurz beschrieben, um ein besseresVerständnis der von Elfried Naumann geschilderten Begebenheiten zuermöglichen.

Es kann heute festgestellt werden, dass es im Gebiet der Stadt BadLippspringe nur noch wenige Spuren jüdischen Lebens gibt – umsobedeutsamer erscheint es, die Erinnerungen von Zeitzeugen festzuhalten.Die besonderen Lebenserfahrungen von Elfried Naumann und insbesonderesein beständiges Bemühen gegen das Vergessen können und sollen eineklare Wegweisung auch für nachfolgende Generationen sein.

Jüdisches Leben in Bad Lippspringe

Bereits aus der Anfangszeit des 19. Jahrhunderts liegen Dokumente vor,die auf jüdische Familien und jüdisches Leben in Bad Lippspringehinweisen. Eine Liste aus dem Jahr 1822 nennt die jüdischen FamilienBerkenstein, Meyer und Spellerberg.

Allerdings war die jüdische Gemeinde im 19. Jahrhundert relativ kleinund überschaubar. Ein Personenverzeichnis aus dem Jahr 1854 enthält dieNamen und Tätigkeiten von neun jüdischen Familien, insgesamt etwa 40Personen. Als Berufsbezeichnungen findet man Handelsmann oder Kaufmann,Fleischer, Metzger, Buchbinder sowie Schirmmacher.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es in Lippspringe einejüdische Schule; so wurden im Jahr 1860 etwa 20 Jungen und Mädchen vomjüdischen Lehrer unterrichtet.

Um das Jahr 1887 gab es Bestrebungen der jüdischen Gemeinde, inLippspringe eine eigene Synagoge zu errichten. Diese Pläne konntenjedoch aufgrund nicht ausreichender Finanzierung nicht verwirklichtwerden. Christian Starre schreibt dazu: „Aber schon im Jahre 1889besserte sich die Situation. Eine Frau, die Witwe Münchhausen ausPaderborn, erwarb ein bis dahin als Kaufhaus genutztes Gebäude an derBrunnenpromenade (Schafbrücke) und überließ es den Juden als Gotteshaus.Diese Synagoge wurde zwischen 1925 und 1930 abgerissen.”

In den Sommermonaten besuchten regelmäßig 120 bis 160 jüdische KurgästeLippspringe für eine vier- bis sechswöchige Kur.

Die Juden waren weitgehend integriert in das alltäglichegesellschaftliche Leben der Badestadt. Es gab ein friedliches undrespektvolles Miteinander. Hermann Mikus hebt in seinem Beitrag überseine Jugenderinnerungen am Marktplatz sehr anschaulich dasgutnachbarschaftliche Zusammenleben mit den jüdischen Familien hervor;freundschaftliche Verhältnisse waren selbstverständlich.

Hermann Mikus schreibt: „Zu unserer Gemeinschaft bei Kinder- und Jugendspielen gehörten Wernerund Helmut Lorch dazu wie alle, die sich aus der Nachbarschaft Markt,Langestraße, Grabenstraße, Dammstraße, Brunnenstraße am Denkmal, an derKanone und an den zwei Bänken an der Jordanmauer oft zusammenfanden. Inder Osterzeit brachte Helmut Lorch immer gern große Pakete „Mazzen”herbei, die wir als etwas Besonderes gern verzehrten. Manche Dingejüdischer Lebensart lernten wir ja aus dem Alltagsumgang mit Judenkennen.”

Verschiedene jüdische Einzelhandelsgeschäfte gehörten in den 1930erJahren selbstverständlich zum örtlichen Wirtschaftsleben dazu und trugenihren Teil dazu bei, die Bürger wie auch die Kurgäste mit Waren allerArt zu versorgen. In den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg existiertenfolgende jüdische Geschäfte in Bad Lippspringe:

  • Manufakturwarengeschäft Meyer bzw. Lorch, Lange Straße 6
  • Gemischtwarengeschäft Meyer, Lange Straße 16
  • Geschenkartikelgeschäft Meyer im Arminiuspark (später Rudolf Naumann)
  • Textilgeschäft Robert und Ida Edelmann, Arminiusstraße 22, Ecke Friedrichstraße

Neben den genannten Handelsgeschäften gab es auch eine jüdisch geführteUnterkunft. In einem Hotelverzeichnis von 1911 ist das Hotel vonSiegfried Meyer, Lange Straße 16, aufgeführt mit dem werbewirksamenHinweis: „Einziges jüdisches Hotel am Platze”.

Die Bad Lippspringer Juden waren in der Zeit des Nationalsozialismus(1933-1945) einer zunehmenden Entrechtung und Verfolgung ausgesetzt,wie Klaus Karenfeld eingehend beschreibt; die antisemitischen Aktionenerreichten einen vorläufigen Höhepunkt in der Reichspogromnacht am09.11.1938: „Nach etwa einer Stunde, die die zehn Männer mit erhobenenHänden und dem Gesicht zur Wand im Parteilokal verbringen mußten, wurdensie durch den Kurpark zur Lippequelle getrieben. Auf das Kommando derBewacher hin – „Die Juden ins Wasser, marsch!” – sprangen sie unterSchlägen hinein. Wer versuchte, aus der nur wenige Grad warmen Quelleherauszusteigen, wurde mit dem Kopf untergetaucht. Erst in den frühenMorgenstunden durften die zehn Männer in ihre Wohnungen zurückkehren. Amnächsten Tag erklärten die beteiligten SA- und SS-Männer die nächtlichen„Ereignisse” zynisch damit, daß die Juden „getauft” worden seien.”

Der Chronik zufolge existierte bereits seit 1855 ein jüdischer Friedhofin Bad Lippspringe am südlichen Ende der Lindenstraße. Die letzteBeisetzung fand dort im Jahr 1939 statt. Die Schließung und Aufgabedieses Friedhofs erfolgte 1941; die sterblichen Überreste der jüdischenVerstorbenen wurden auf den Waldfriedhof überführt. Gegenwärtig befindetsich eine jüdische Grabstätte mit den Namen von elf Verstorbenen auf demWaldfriedhof.

Die letzte Überlebende der Lippspringer Juden, Lotte Magnus, geboreneLorch, starb am 28.05.2007 im Alter von 95 Jahren in der Schweiz.Rückblickend hierzu schrieb Elfried Naumann: „Anlass genug, einesMenschen und seiner Familie zu gedenken, deren Leben durch dieVerfolgung der Nationalsozialisten schicksalhaft geprägt worden sind.Geboren wurde Lotte Lorch am 1. Februar 1912 als ältestes Kind vonAlbert und Clara Lorch, die in ihrem Hause am Marktplatz in BadLippspringe lebten. Das aufgeweckte Mädchen besuchte das Gymnasium imKloster St. Michael in Paderborn – damals waren dort noch jüdischeSchülerinnen willkommen.”

Die christlich-jüdische Familie Naumann in Bad Lippspringe

Das junge Ehepaar Naumann lebte seit 1918 in Bad Lippspringe. RudolfNaumann, geboren am 23.10.1892, und Paula Meyer, geboren am 29.09.1885,hatten am 29.05.1918 in Berlin geheiratet und sich dann in BadLippspringe niedergelassen. Paula Meyer war in Bad Lippspringeaufgewachsen und hier auch zur Schule gegangen. Der Musiker RudolfNaumann hatte Bad Lippspringe kennengelernt, indem er hier als Mitgliedeiner beliebten Kurkapelle wirkte. So kam es zur Begegnung zwischenRudolf und Paula. Rudolf Naumann war evangelischer Christ, seine FrauPaula war Jüdin. Das Ehepaar Naumann wohnte in der Dammstraße Nr. 5. DasHaus war unter der Bezeichnung „Dammhof” bekannt.

Rudolf und Paula Naumann betrieben bis 1937 ein Geschenkartikelgeschäftan der Brunnenpromenade im Arminiuspark. Von 1924 bis 1937 war RudolfNaumann angesehener Chorleiter des Gesangvereins „Harmonie”. Nach Endedes Zweiten Weltkriegs leitete er erneut die „Harmonie” in den Jahrenvon 1946 bis 1960. Im Anschluss an seine aktive Zeit ist er dann zumEhrenchormeister der „Harmonie” ernannt worden.

Elfried Naumann, geboren am 17.02.1925, erlebte seine Kindheit als Sohneiner christlich-jüdischen Familie in Bad Lippspringe. Seine ältereSchwester, Lola Margarete, genannt Marga, war am 23.11.1920 zur Weltgekommen. In der Definition der Nationalsozialisten (NürnbergerRassengesetze) galten die Kinder als Halbjuden, obwohl beide Geschwisterevangelisch getauft und konfirmiert worden waren. Elfried Naumannfeierte zu Ostern 1939 in der evangelischen Kirche Bad Lippspringe seineKonfirmation.

Beim Schützenfest im Jahr 1931 spielte der sechsjährige Elfried Naumanneine besondere Rolle, er war damals Edelknabe des Königspaares WilhelmTate und Anita Aldegarmann.

Die Ausgrenzung vom gesellschaftlichen Leben bekam Elfried Naumann schonwährend seiner Kindheit in Bad Lippspringe zu spüren; als Junge wollteer gern in die örtliche Pfadfindergruppe eintreten, doch dieMitgliedschaft wurde ihm aufgrund seiner Abstammung verwehrt. Wegenseiner jüdischen Mutter galt er als „Mischling ersten Grades”.

Klaus Karenfeld schreibt: „Der von den Nationalsozialisten angeordneteBoykott jüdischer Geschäfte zeigte auch in Bad Lippspringe Wirkung.Naumanns Vater musste schließlich sein Porzellanwarengeschäft amArminiuspark aufgeben. Mit der Reichspogromnacht am 9. November 1938verschärfte sich der Terror des NS-Regimes weiter. Der 13-JährigeElfried Naumann musste mit ansehen, wie die jüdischen Bürger von BadLippspringe aus ihren Häusern geprügelt und unter Drohungen in dieeiskalte Lippequelle sprangen.”

Der junge Elfried Naumann erlernte in der Jahren 1940 bis 1943 den Berufdes Fotografen im Fotogeschäft Blum in Paderborn. Nach seiner Ausbildungarbeitete er als Fotografengeselle in einem Fotoatelier in Soest. Seineigentlicher Wunsch war es, Journalist zu werden. Ein Studium war damalsfür ihn jedoch aufgrund der Nürnberger Rassengesetze undenkbar.

Die jüdischen Verwandten von Elfried Naumann blieben von dersystematischen Verfolgung nicht verschont; seine Tanten mussten 1942zunächst nach Bielefeld fahren, wo in der Gaststätte „Kyffhäuser” amKesselbrink ein Sammellager eingerichtet worden war. Gemeinsam mitseiner Mutter hatte Elfried Naumann den Tanten noch Bettwäsche nachBielefeld gebracht, bevor die Deportationszüge abfuhren. Es wurde fürdie Tanten eine Reise von Bielefeld nach Auschwitz, eine Reise in denTod.

Walter Göbel schreibt: „Am 8.7.1942 wurden Clara Lorch, geb. Meyer unddie mit ihr zusammen lebende ledige Schwester Meta Meyer von der Gestapo(Geheime Staatspolizei) verhaftet und in das jüdische Sammellager inBielefeld, im Saal der Gaststätte Kyffhäuser am Kesselbrink gebracht,von wo aus beide Frauen am 11.7.1942 mit einem Transportzug in dasVernichtungslager Auschwitz kamen. Hier verliert sich die Spur derbeiden Frauen, so daß anzunehmen ist, daß Clara Lorch und ihre SchwesterMeta Meyer unmittelbar nach Ankunft in Auschwitz in einer Gaskammer denTod fanden.”

Ab April 1944 wurde der damals 19-jährige Elfried Naumann alsZwangsarbeiter zunächst in Frankreich eingesetzt. Im Winter 1945arbeitete er für die Organisation Todt in einem Stollen beiOberrödinghausen im Sauerland (Geheimprojekt „Schwalbe 1” im Hönnetal).Von dort fuhr er im April 1945 - nach Einzug der amerikanischen Truppen - mit einem Fahrrad nach Bad Lippspringe, wo er dann das Ende desZweiten Weltkriegs erlebte. Nach dem Krieg arbeitete Elfried Naumann alsDolmetscher beim britischen Militär. In den Jahren 1948 bis 1950 war erVolontär beim Westfälischen Volksblatt; anschließend arbeitete er alsJournalist bei verschiedenen Zeitungen, zuletzt beim Wiesbadener Kurier.

Im Februar 1962 wurde die Ehe zwischen Elfried Naumann und Irene Hundtgeschlossen. Seiner Heimat Bad Lippspringe ist Elfried Naumann stetsverbunden geblieben; ein Beispiel dafür: Im Jahr 1994 verfasste er dieFestschrift zum 75-jährigen Bestehen des Männerchores „Harmonie” BadLippspringe, dessen aktives Mitglied er über viele Jahre gewesen ist.

Elfried Naumann war ein aktiver Zeitzeuge gegen das Vergessen. VorSchulklassen berichtete er immer wieder über seine persönlichenErlebnisse sowie über das Schicksal seiner Familie während derNS-Diktatur. Viele Schülerinnen und Schüler hörten seine bewegendenSchilderungen – zweifellos ein besonders intensiverGeschichtsunterricht aus erster Hand, persönlich erlebte Geschichteeines Zeitzeugen.

Elfried Naumann ist 87 Jahre alt geworden. Er ist am 29. Juni 2012 gestorben. Die ersten Jahrzehnte hat er in Bad Lippspringe gelebt, die Badestadt war die Heimat seiner Kinder- und Jugendzeit. Die letzten Jahre seines Lebens hat er zusammen mit seiner Frau Irene in Bad Driburg gelebt.

Zeitzeugenbericht Elfried Naumann (Vortrag vom 12.11.2010)

Elfried Naumann berichtete am 12.11.2010 in der Buchhandlung Waltemode über das Schicksal seiner Familie und Verwandtschaft in Bad Lippspringe. Auch in den Jahren 2006 und 2007 hatte er als Zeitzeuge in der Badestadt Vorträge gehalten. Seine Erinnerungen sind am 12.11.2010 auf Tonband aufgezeichnet worden; Auszüge aus seinem Vortrag werden im Folgenden wiedergegeben.

Elfried Naumann erläuterte zunächst die damalige Situation seiner Familie:

Wir wohnten damals in der Dammstraße Nr. 5; der große Garten war umgeben von einer Mauer. Eine stattliche alte Linde stand dort (und steht heute noch). Meine Mutter, Paula Naumann, war eine von drei Schwestern aus der jüdischen Familie Meyer. Ihre beiden Schwestern hießen Meta und Clara. Mein Vater, Rudolf Naumann, sicher noch den Älteren ein Begriff, war über 23 Jahre Dirigent des Männergesangvereins Harmonie in Lippspringe, ein sehr bekannter Mann hier in der Stadt.

Das Geschäft der Eltern am Arminiuspark

Wir hatten damals ein Geschäft im Kurpark, und zwar für Porzellan, darunter auch Rosenthal-Porzellan, sowie für Spielwaren. Damals war es noch so, dass an Heiligabend unser Geschäft bis 22 Uhr abends geöffnet blieb. Lehrer Wellpott beispielsweise, bei dem wir damals auch zur Schule gingen, kam dann noch mit seiner Frau, um Spielzeug zu kaufen. Das hatte zur Folge, dass wir unsere Bescherung nicht an Heiligabend hatten, sondern am Weihnachtsmorgen. Das war ganz romantisch, weil die Christmette früh um 6 Uhr oder um 7 Uhr war. Ich selbst gehörte damals auch dem Kinderchor an und sang oben auf der Orgel. Und dann hat man natürlich schon ungeduldig gewartet, dass dieser Gottesdienst zu Ende ging. Wenn wir nach Hause kamen, dann leuchtete dort der Christbaum, den meine Mutter mit Kerzen geschmückt hatte, und dann war bei uns die Bescherung am frühen Weihnachtsmorgen. Das sind Erinnerungen, die man nicht vergisst. Danach fand das Frühstück statt. Meine beiden Vettern Helmut und Werner Lorch kamen regelmäßig an diesem Weihnachtsmorgen zu uns, um unseren guten Butterkuchen zu essen, den Mutter gebacken hatte. Also, das war noch ein Blick zurück in die Familiengeschichte.

Kindheit in Bad Lippspringe

Meine Schwester und ich sind in einer ganz fröhlichen Kindheit aufgewachsen. In der Zeit vor 1933 war man von nichts beeinträchtigt und ging zur Schule. Das änderte sich mit der Machtergreifung Hitlers am 30. Januar 1933. Ein Beispiel: Ich sah immer, dass die Pfadfinder, nachher die Hitlerjugend, bei unserem Haus vorbeizogen und irgendwelche Zeltlager oder Spiele veranstalteten. Als Kind hatte ich schon den Wunsch. auch ein Pfadfinder zu sein. Nun wohnte der Leiter dieser Pfadfindergruppe, Egon von Fürstenberg, neben uns im neuen Kurbad, wie es damals hieß, am Dammhof. Zu dem ging ich und fragte Herrn Fürstenberg, ob er mich in seine Gruppe aufnehmen könnte. Ich war damals 8 Jahre alt, und merkte doch schnell, wie er herumgedruckst hat. Er war offensichtlich um eine konkrete Antwort verlegen. Es ging nämlich nicht mehr. Er hat mir das nicht deutlich gesagt, aber so war es eben. Ich konnte da nicht aufgenommen werden, weil meine Mutter Jüdin war. Das war meine erste Begegnung mit der Ausgrenzung – ich durfte nicht Pfadfinder werden.

Erinnerungen an die Schulzeit in Bad Lippspringe

Nun noch etwas zur Situation in der Schule bei uns. Auch hier ein Beispiel: Einmal kam der Schulrat auf Visite zu uns in die Schule. Und seine erste Frage war: Wer ist noch nicht in der Hitlerjugend? Darauf quälte ich mich aus meiner Schulbank hervor, denn die ganze Situation war mir sehr unangenehm. Und da ich nicht ganz stand, brüllte mich der Schulrat an: Stell dich mal endlich richtig hin!” Lehrer Wellpott hat dann zum Schulrat gesagt, er wolle ihm das später erklären. Die anderen Schüler wussten natürlich ungefähr Bescheid, worum es ging.

Dann gab es ab 1938 einen sogenannten „Tag der Jugend”. Dieser Tag war speziell. Da waren nämlich die Kinder vom Schulbesuch befreit und machten irgendwelchen Dienst oder Hitlerjugenddienst. Nur vier Kinder der Familie Kusserow und ich mussten zur Schule. Die Kusserows waren Bibelforscher, Zeugen Jehovas, die auch das Regime strikt ablehnten und auch auf keinen Fall Heil Hitler!” sagten – die Kinder wurden deshalb sogar geschlagen. Die Familie wohnte an der Detmolder Straße. Am Haus war der Schriftzug „Das goldene Zeitalter” zu lesen.

Für uns fünf Schüler mussten die Lehrer nun Schule halten - das war ihnen sehr ärgerlich. In der Regel haben die Lehrer uns gegen elf oder halb zwölf Uhr nach Hause geschickt. Wir haben nicht viel mitgekriegt vom Schulunterricht an diesem Morgen.

Eine weitere unangenehme Situation ist mir in Erinnerung geblieben. Es gab ja immer Aufsatzthemen in der Schule; das bedeutete: Wir mussten Aufsätze schreiben, und die besten wurden dann vorgelesen. Manchmal war mein Aufsatz auch dabei. Eines Tages kam nun das Thema: „Was wir unserem Führer verdanken”. Daraufhin bin ich zum Lehrer Wellpott gegangen und habe ihm gesagt, es sei mir nicht möglich, zu diesem Thema etwas Positives zu schreiben. Er stellte mir die Frage, ob ich dem Führer nicht auch etwas zu verdanken habe. Ich entgegnete darauf mit dem Hinweis, dass mein Vater arbeitslos sei und dass wir deshalb nicht viel Geld hätten. Doch Lehrer Wellpott wollte mich nicht von dieser Aufgabe entbinden. Ich habe dann tatsächlich diesen Aufsatz geschrieben und mich irgendwie so durchgewunden. Es war sicherlich einer meiner schlechtesten Aufsätze. Da habe ich dann über Sachen geschrieben wie Autobahnbau, Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und ähnliches mehr.

Das Landjahr im Anschluß an die Schulzeit

Jetzt kamen wir aus der Schule, und ich hatte ein sogenanntes „Landjahr” zu absolvieren. Die Kinder mussten dann zu einem Bauern für ein Jahr. Mich wollte man nach Dahl schicken; da sagte mein Vater: „Da gehst du nicht hin!” Dann bin ich bei der Familie Sievers hier an der Detmolder Straße gewesen, Bierverlag Theo Sievers. Der alte Sievers, der war für mich ein „Lichtblick” in diesem Landjahr. Er fuhr mit seinem Pferdewagen nach Paderborn zur Brauerei und holte Bier. Das Pferd kannte den Weg ohnehin schon genau, während er oben saß und ich neben ihm; er machte vor jeder Stätte Halt und stand da unten mit dem Pferd. Das war wenigstens für mich ein Lichtblick, denn ich hatte von Landwirtschaft ja überhaupt keine Ahnung. Aber ich habe das wunderbar gefunden, wenn die Pferde vor einem gingen, ebenfalls wenn gepflügt wurde, wenn der typische Geruch aus der Erde kam.

Jeden Morgen um 6 Uhr bin ich zu Fuß zu Sievers gelaufen. Dann mussten zunächst zwei Pferde geputzt werden – das war auch nicht so schlimm. Aber den Schweinestall misten, das war für mich eine ganz fürchterliche Sache. Herr Sievers hatte zusätzlich noch die städtische Müllabfuhr. Damals gab es nicht diese runden Mülltonnen. Die Abfuhr erfolgte mit einem Kastenwagen. Die Leute stellten ihren Müll draußen vor die Tür, auch die Toiletten, und die mussten wir dann hochwuchten auf diesen Wagen. Dann ging es auf den Müllplatz beim Sägewerk Mertens. Das war für mich ganz fürchterlich und ekelig. Na ja, ich habe es überstanden.

Zunehmende Ausgrenzung und Diskriminierung

1936 kamen die berüchtigten Rassegesetze, die auf dem Parteitag in Nürnberg „zum Schutz des Deutschen Blutes” beschlossen wurden, wie es hieß und „der deutschen Ehre” wegen – so war die offizielle Bezeichnung. In diesen Gesetzen wurde genau festgelegt, wer Deutscher war und wer nicht. Letzteres waren zunächst mal die Juden, erwachsene Juden sowieso, und dann aber auch die jüdischen Kinder – Das wurde genau aufgegliedert. Wenn man sich heute überlegt, wie viel Zeit und Arbeit die Nationalsozialisten aufgewendet haben, um solche Dinge aufzustellen, kann man nur den Kopf schütteln. Und da gab es eben auch Kinder wie wir, die sogenannten „Mischlinge ersten Grades”. Klar war auf jeden Fall: Wir waren damals Menschen zweiter Klasse. Das ging dann so weit, dass man als Jude keine christlichen Frauen beziehungsweise nicht-jüdische Frauen heiraten durfte.

Berufliche Einschränkung des Vaters

Folgendes kam noch hinzu, und das war für meinen Vater einschneidend. Er war ja Musiker und in den zwanziger Jahren nach Lippspringe gekommen; damals war er Mitglied der Kurkapelle gewesen und hatte hier meine Mutter kennengelernt, eine von drei Schwestern. Wer damals im Dritten Reich als Musiker auftreten wollte, der musste Mitglied in der sogenannten „Reichsmusikkammer” sein. Bei den Schriftstellern und Zeitungen gab es etwas Vergleichbares. Jedenfalls war das genau geregelt. Und diese Erlaubnis wurde meinem Vater entzogen. Das hatte zur Folge, dass er als Musiker nicht mehr öffentlich auftreten konnte; wohlgemerkt nicht als Privatperson.

Im Jahr 1937 hatten wir unseren Laden noch im Kurpark, und der ging natürlich auch sozusagen „vor die Hunde”, weil weniger Leute kamen. Es lohnte sich schließlich nicht mehr. Nun entstand das Problem, dass mein Vater keine passenden Stellen fand. Er war mal eine Zeit lang bei der Sperrholzfabrik Hallenberger beschäftigt, unten an der Steinstraße. Der Herr Hallenberger hatte ihn eingestellt; aber das ging auch nicht lange gut, als Musiker ist man nicht unbedingt für Schreinerarbeiten geeignet, da fehlen die handwerklichen Hände.

Mein Vater war ein stattlicher Mann, groß und stark, der vor nichts und niemand Angst hatte. Eines Tages hatte er den Entschluss gefasst, nach Paderborn zum dortigen Kreisleiter, Herrn Plagemann zu fahren, um diesem seine missliche Situation zu schildern. Dort ist er auch vorgelassen worden. Und dann hat er den Kreisleiter gefragt, wie er denn seine Familie ernähren solle. Darauf entgegnete der Kreisleiter - die Antwort war natürlich klar vorauszusehen - das wäre ganz einfach, mein Vater solle sich scheiden lassen, dann wären alle Probleme gelöst. Darauf erklärte mein Vater, es gebe für ihn keinen Grund dafür, dass er sich scheiden ließe. Damit war das Gespräch zu Ende - solche Dinge passierten eben.

Die Pogromnacht 09.11.1938 in Bad Lippspringe und die Folgen

Der Laden meiner Eltern war zu diesem Zeitpunkt bereits geschlossen; jetzt kam im Jahr 1938 der eigentliche Tag, der 9. November 1938. Ich war noch in der Schule, in der evangelischen Schule neben der Kirche. Als ich an diesem Morgen zur Schule ging, sah ich bei Familie Lorch am Markt, wie oben im ersten Stock des Hauses ein Rundbogenfenster zerstört war – die Scheiben waren zerschlagen, ebenso die unten im Erdgeschoss. Dort oben schlief meine Großmutter, die Mutter meiner Mutter, damals 79 Jahre alt. Dort waren die Steine ins Fenster geworfen worden. Glücklicherweise fielen die vor ihrem Bett nieder, so dass meine Großmutter nicht getroffen wurde. Sie hat das auch gar nicht so mitbekommen, sie war schon ein wenig verwirrt.

Meine beiden Vettern Helmut und Werner Lorch, gehörten zu der Gruppe, die in dieser Novembernacht gewaltsam in die Lippequelle getrieben worden sind. Die Beiden kamen morgens um 6:00 Uhr zu meinen Eltern, um sich zu verabschieden. Sie wollten nach Hamburg zu ihrer Schwester Lotte Lorch fahren, die in Hamburg lebte, eine verheiratete Magnus. Das Ehepaar betrieb in der Hansestadt eine Kohlenhandlung. Dort in der großen Stadt Hamburg wollten sich Helmut und Werner verstecken oder untertauchen. Die beiden haben sich also bei uns verabschiedet und sind nach Hamburg gefahren. Das war ihr Glück: Denn alle anderen Männer, die in dieser Nacht des 9. November 1938 aus ihren Häusern geholt worden waren, wurden zunächst für sechs Wochen in ein Konzentrationslager gebracht, und zwar in das KZ Buchenwald. Darunter waren die Söhne von Max Meyer, aus dem Kolonialwarengeschäft; der gute Onkel Max, der Weltkriegsteilnehmer war und der immer für die Kinder ein Bonbon bereit hatte. Der war eine Seele von Mensch. Dann waren da noch eine Familie Abraham und andere, die hier in Lippspringe lebten. Die sind alle abgeholt worden, kamen aber nach sechs Wochen wieder frei. Und zwar unter der Auflage, kein Wort darüber zu berichten. Als ich an diesem Morgen in die Schule kam, hatten auch andere Kinder bemerkt, dass in dieser Nacht irgendetwas geschehen war und wollten darüber sprechen. Daraufhin sagte Lehrer Wellpott: „Darüber wollen wir nicht reden”. Das war also auch eine Art von Wegsehen, wenn man so will, oder Lehrer Wellpott hatte Angst, darüber zu reden. Ich will das heute nicht mehr so beurteilen.

Flucht einiger Verwandten ins Ausland

Zum Schicksal meiner Vettern und meiner Cousine ist zu berichten, dass sie noch 1938 die Ausreisegenehmigung nach Kolumbien, Südamerika bekommen haben. Von Hamburg aus haben sie das organisiert. Nur, als sie in Triest ankamen, war dieses Schiff bereits abgefahren. Aber zum Glück lag ein anderes Schiff im Hafen von Triest, und dieses Schiff fuhr nach Shanghai, nach China. Denn Shanghai war der einzige offene Hafen damals, wo noch Visen ausgegeben und Flüchtlinge aufgenommen wurden. Selbst in England oder Amerika war das damals schwierig, weil man jemanden haben musste, der für einen bürgte oder eine entsprechende Geldsumme hinterlegte.

Meine Vettern und meine Cousine mit ihrem neun Monate alten Kind sind dann nach einer großen Odyssee zunächst in Indien gelandet, genauer gesagt in Bombay. Der Mann meiner Cousine konnte dort aussteigen und hat durch ein Hilfskomitee an Land bleiben können. Doch als er wieder auf das Schiff zurückkehren wollte, war das bereits abgefahren – mit seiner Frau an Bord. Aber die konnte in Singapur mit dem Baby aussteigen und wurde von einer Engländerin aufgenommen – solange, bis sie nach etwa einem halben Jahr zu ihrem Mann nach Bombay zurückfahren konnte. Meine beiden Vettern Helmut und Werner mussten nach Shanghai weiterfahren. Dort haben sie ziemlich elend gelebt, denn die Chinesen hatten sie zwar offen aufgenommen, aber womit sollte ein Europäer dort Geld verdienen? Eine Tasse Kaffee kostete damals 5 Pfennig, umgerechnet nach unserem Geld. Das war sehr schwierig dort, den Lebensunterhalt zu bestreiten.

Nach dem Krieg haben sie die Einreisegenehmigung nach Amerika bekommen und sind dann mit ihren beiden Frauen, die auch in Shanghai gewesen waren, über Bombay nach Amerika gereist. Meine Cousine reiste später in die Schweiz, weil ihr Sohn, der damals erst neun Monate alt war, eine unerklärliche Krankheit hatte. Sie waren mit dem Kind bei so vielen Ärzten. In der Schweiz haben sie schließlich einen Arzt gefunden, der den Jungen behandeln konnte. Dies nur am Rande über die Familie Magnus und die Verwandtschaft. Leider war es meinen beiden Vettern nicht möglich, für meine beiden Tanten Meta und Clara ein Visum nach Shanghai zu besorgen, denn das kostete damals sehr viel Geld.

Deportation der Tanten im Jahr 1942

Meine beiden Tanten haben im Juli 1942 schließlich den Bescheid bekommen, sie müssten auf einen Transport gehen. Sie wohnten immer noch in ihrem Haus am Marktplatz, wo inzwischen auch die Familie von Max Meyer wohnte, Max und Emilie Meyer; auch deren Haus war von Franz Rudolphi gekauft worden. Die Meyers waren dann zu der Familie Lorch gezogen. Das war das sogenannte „Judenhaus”, so der offizielle NS-Jargon damals. Die Juden sollten zusammengefasst werden bis zu ihrer Deportation.

Dann kam eben im Sommer 1942 dieser Tag, an dem meine beiden Tanten zunächst nach Bielefeld fahren mussten. Ein Jahr zuvor waren Max und Emilie Meyer auch deportiert worden. Der Transport ging nach Riga, das war vorher bekannt. Dagegen war das Ziel des Transports, von dem meine beiden Tanten betroffen waren, unbekannt. Wie sich dann herausstellte, ging der Transport nach Auschwitz. Eine Postkarte kam von meinen Tanten aus Oppeln in Schlesien. Da haben sie geschrieben, sie seien jetzt gelandet und es sei ungewiss, wohin es weiter gehe. Das war die letzte Postkarte, die von meinen beiden Tanten kam - sie ist noch in meinem Besitz.

Die Forschungen haben ergeben, dass die Transporte von Bielefeld aus starteten. Der besagte Zug fuhr damals Richtung Hamburg und von Hamburg über Berlin Richtung Auschwitz. Also daher die Karte aus Oppeln. Das war der erste Transport, so hat man später herausgefunden, bei dem die Deportationsopfer mit Zyklon B getötet wurden.

Noch ein paar Worte zu Max und Emilie Meyer. Die Eheleute wurden zunächst nach Theresienstadt gebracht, danach verliert sich die Spur von Max Meyer.

Emilie Meyer hat noch eine Postkarte an uns geschickt, die sie mit Emilie Sarah Meyer unterschrieben hatte. Es war im Dritten Reich nämlich Gesetz, dass jeder weibliche Jude zu seinem Vornamen den Namen „Sarah” hinzufügen musste und jeder männliche Jude den Namen „Israel”. Diese Emilie Meyer ist dann auch umgekommen. Wir haben nichts mehr von ihnen gehört.

Einer ihrer beiden Söhne, Walter Meyer, war Optiker; er war nach Holland emigriert. In Holland gab es vor dem Überfall der Deutschen noch die Möglichkeit zur Umschulung, in der die Teilnehmer auf die Übersiedlung nach Palästina vorbereitet wurden, wie es damals hieß, also eine Umschulung für die Landwirtschaft. Als die Deutschen am 10. Mai 1940 in Holland einrückten, wurden diese Leute alle festgenommen, auch Walter Meyer, der damals 20 Jahre alt war.

Elfried Naumanns berufliche Ausbildung 1940 bis 1943

Nach der Schulzeit stand die Frage an, was ich beruflich machen sollte. Ich konnte nicht auf die höhere Schule gehen. Also musste ich sehen, was machbar war. Da bekam ich auch sehr viele Schwierigkeiten. Ich war einmal auf eine Annonce (Ausbildung zu Fotografen) hin nach Bad Oeynhausen gefahren, mein Vater begleitete mich. Damals gingen noch die Väter mit zum Bewerbungsgespräch. Und wie immer haben wir mit offenen Karten gespielt, um die Leute nicht in Verlegenheit zu bringen. Darauf sagte der Mann, es täte ihm leid, aber er könne mich nicht beschäftigen, da er einen höheren Posten bei der SA bekleide.

Später war eine Annonce in der Fotografenzeitung, aufgegeben vomFotogeschäft Blum in Paderborn. Da gab es drei Fotografen, Böse, Blumund Erdmann. Der Fotografenmeister Blum, ein echtes Original, hat michaufgrund meiner prima Schulnoten in die Ausbildung genommen. Dort binich drei Jahre gewesen bis zum Abschluss meiner Gesellenprüfung im Jahr1943.

Am Abend des 14. März 1943 gab es einen Fliegerangriff, einenTieffliegerangriff auf den Lokschuppen am Bahnhof und auf dieBahnanlagen, er dauerte nur zwei Minuten. Ich stand am Fenster und aufeinmal waren die Bomben gefallen. Das hatte zur Folge, dass dieStraßenbahnen bis halb zwölf nachts nicht mehr fuhren. Und ich kam erstsehr spät nach Hause; morgens um 9:00 Uhr war die Gesellenprüfung. Eshat mir nichts ausgemacht, ich bin einfach dahin gegangen. Nichtvergessen werde ich folgende Begebenheit während der Prüfung: DerKollege Herr Erdmann, der Fotograf und Prüfungsbeisitzer, sagt zumFotografen Böse, der ebenfalls Beisitzer war und etwas mit den Nazis zutun hatte: „Na. Herr Kollege, das war ja wohl gestern ein Zielwurf”.Und der guckte ganz dumm. Na ja, ich habe dann die Prüfung auchbestanden, und danach musste ich mir eine passende Arbeitsstelle suchen.

Berufliche Tätigkeit ab 1943

In einem Fotoatelier in Soest konnte ich dann arbeiten. Das Atelierwurde von Frau Marianne Söding geleitet. Überraschend bekam ich am 16.April 1944 die plötzliche Aufforderung, mich beim Arbeitsamt in Soest zumelden. Und zwar mit eigener Verpflegung für drei Tage. Da ging ich hinund wurde gleich von einem Mann empfangen, der genau über mich Bescheidwusste; er sagte, wir müssten jetzt nach Dortmund fahren, dort sei einSammeltransport organisiert. Ich hatte keine Ahnung, was dies bedeutensollte.

Dann wurde uns erklärt, es ginge um die Organisation Todt, ^18^ die zuder Zeit beispielsweise für den Bau von wichtigen Straßen und allemöglichen Baumaßnahmen zuständig war, darunter auch das GroßprojektAtlantikwall. Sehr viele Ausländer waren dort beschäftigt. Schließlichkamen wir nach Dortmund; da hatte sich bereits eine beträchtlicheMenschenmenge am Sonntagnachmittag vor dem Bahnhof versammelt. Männermit ihren Frauen, junge Leute ohne Frauen, und keiner wusste, was mitdem anderen war. Dort traf ich zufällig auf einen jungen Mann, das warein angeheirateter Vetter von mir, der schon in Russland als Soldatgewesen war und sogar Auszeichnungen im Russlandfeldzug erhalten hatte.Der war Gefreiter oder Unteroffizier gewesen.

Zwangsarbeit unter dem NS-Regime

Im Jhre 1943 trat ein Führererlass in Kraft, wonach alle sogenannten„Mischlinge” aus der deutschen Wehrmacht entlassen werden sollten. Unddie wurden dann an diesem besagten Tag und in dieser Zeitzusammengezogen. Das war die sogenannte Aktion „Hase” (warum das sohieß, kann ich nicht sagen). Im Wartesaal habe ich erfahren, dass einTeil unserer Gruppe aus so genannten „Mischlingen ersten Grades” wiemir bestand. Aus Sicht der Nazis waren wir „wehrunwürdig”. Mit dabeiwaren zweitens auch Sinti und Roma. Dann ehemalige Zuchthäusler, dieentlassen worden waren, die waren ebenfalls dabei. Und schließlich dieschlimmste Gruppe, das waren die, die von der NS-Partei ausgeschlossenworden waren wegen irgendeines Vergehens. Das waren die Leute, die sichimmer „lieb Kind” machen wollten, weil sie hofften, dadurch wiederbesser gestellt zu werden. Ich hatte auch einen hier aus Lüchtringen beiHöxter, einen Mann namens Schröder, der uns immer gepiesackt hat; daswar so einer.

Arbeitseinsatz in Frankreich

Mit der Eisenbahn ging es dann nach Frankreich. Der Zug bestand ausPersonenwagen, ganz hinten war ein Wagen mit bewaffneten Italienern initalienischer Uniform. Italien hatte zu diesem Zeitpunkt bereitskapituliert. Und dies waren Leute, die von der faschistischen Gruppewaren, von Diktator Mussolini. Diese Italiener sollten die Transporte,die in die besetzten Gebiete gingen, bewachen. In Frankreich wurden wirbei unterschiedlichen Bauarbeiten eingesetzt; wir mussten Schützengräbenausheben, Bahngleise oder einen Viadukt reparieren. Ich war damals 19Jahre alt.

Zusammen mit Hunderten nach nationalsozialistischer Ideologie ebenfalls„wehrunwürdig” geltenden Altersgenossen arbeiteten wir in unterirdischenStollen bei Le Lude in der Nähe von Le Mans, die offensichtlich alsMunitionsdepots gedacht waren. Tausende von sogenannten Fremdarbeitern(Russen, Franzosen, Marokkaner) waren dort ebenfalls im Einsatz. Nachdemdie Amerikaner in Frankreich gelandet waren, verschlug es mich wiedernach Deutschland.

Rückkehr nach Bad Lippspringe

Irgendwie bin ich immer durchgekommen, teilweise zu Fuß, teilweise vonWehrmachtsautos mitgenommen, denn seitdem wir in Deutschland waren,hatten wir sogar OT-Uniformen. Diese braune OT-Uniform, aber ohne dieArmbinde natürlich, und eine Mütze. Immer wenn Wehrmachtsautos kamen,haben die gehalten und mich ein Stück des Weges mitgenommen. Ich wolltenämlich nach Kaiserslautern, weil ich gehört hatte, von dort führenachts um zwölf Uhr ein Fronturlauberzug nach Berlin. Ich hatte nochdeutsches Geld und habe mir einfach eine Fahrkarte nach Altenbekengelöst.

Tatsächlich kam ich mit dem Zug bis nach Kassel. In Kassel musste ich imdortigen Wartesaal eine Nacht länger warten. Morgens um fünf Uhr stiegich in einen Personenzug nach Altenbeken. In Altenbeken war der Viaduktzerstört. Ich hatte gehört, dass auch Bad Lippspringe bombardiert wordenwar. Ich wusste jedoch nichts genaues, denn es war seit Monaten keinePost mehr nach Frankreich durchgekommen. Ich war in großer Sorge, weilich nicht wusste, was zu Hause geschehen war. Deshalb wollte ich dieGelegenheit nutzen, irgendwie schnell nach Hause zu kommen.

In Altenbeken mussten wir in einen anderen Zug umsteigen, weil derViadukt zerstört war. Da stand dann ein anderer Zug am anderen Ende desViadukts. So gelangte ich nach Paderborn und dann bin ich vom Westerntormit der Straßenbahn nach Bad Lippspringe gefahren. Die Straßenbahn fuhrnoch bis nach Detmold, das war ganz bequem. Meine Mutter fiel aus allenWolken, als sie mich sah. In diesem Moment konnte ich ihr das jedochnicht näher erklären, ich wollte sie nicht in Gefahr bringen. Ja, daswar im Kriegsjahr 1944. Mit falschen Papieren war ich aufabenteuerlichen Wegen nach Hause gekommen und fand dort Mutter undSchwester unversehrt vor. Mein Vater war zu Schanzarbeiten an denWestwall geschickt worden.

Mutter und Schwester in Gefahr

Damals war meine Mutter mit meiner Schwester allein zu Haus; sie solltenim September 1944 deportiert werden. Da geschah das große Wunder: DerPolizeileutnant Mansfeld kam zu uns. Er erklärte meiner Mutter diebedrohliche Situation und legte ihr nahe, eine ärztliche Bescheinigungzu besorgen. Meine Mutter war natürlich sehr bestürzt. Der Gedanke warnun, von Doktor Siepmann ein Attest für meine Mutter und von DoktorAldegarmann ein Attest für meine Schwester zu holen (Doktor Aldegarmannwar ja ausgerechnet der Oberanführer am 9. November 1938 gewesen). Abermeine Schwester war deshalb dort in Behandlung, weil wir gedacht haben,der kann einem vielleicht noch helfen. Das war damals die praktischeÜberlegung. Dann ist Polizeileutnant Mansfeld selber gegangen und hatdie beiden ärztlichen Atteste besorgt, was er eigentlich gar nichtdurfte; es war gegen seine Order (er blieb übrigens im Amt nach demKrieg, er wurde 1945 nicht entlassen).

Meine Mutter und meine Schwester wurden aufgrund der ärztlichen Attestezurückgestellt, wie es hieß, wegen der Krankheit. Ich und auch einigemeiner Kameraden erhielten Briefe gleichen Inhalts, und zwarverschlüsselt. Meine Mutter schrieb, „*Wir sollten gestern plötzlich*verreisen”. Wir wussten genau, was das bedeutete. Das war damals derCodename für Deportation. Offen konnte man das nicht schreiben. Manwusste nie genau, ob die Post heimlich geöffnet und zensiert wurde.

Da ich gehört hatte, die nächste Oberbauleitung der OT wäre in Dortmund,bin ich nach Dortmund gefahren. Das war mein Glück, denn inzwischen kamnämlich die Polizei zu meiner Mutter, ein Polizist namens August Müller.Er erklärte meiner Mutter, dass nach mir gesucht würde. Meine Mutterantwortete, sie wisse nicht, wo sich ihr Sohn aufhalte.

Arbeitseinsatz im Sauerland

Von Ende 1944 bis April 1945 war ich dann bei der Baufirma Köthenbürger(ebenfalls eine Firma der Organisation Todt) im Hönnetal bei Menden.Dort arbeiteten wir im unterirdischen Geheimprojekt „Schwalbe 1”.

Der Winter 1945, vor allem der Januar, war bitterkalt. In meinemTagebuch, das ich damals führte, habe ich unter dem Datum vom 14.Januar, einem Sonntag, vermerkt: „Baustelle wird zur Qual. Wir legenKabel im tiefgefrorenen Boden, bei 20 Grad Kälte”.

Unter widrigsten Bedingungen mussten wir Kabel verlegen oder Loren mitSteinen beladen. Was genau gebaut werden sollte, wussten wir damalsnicht. Der Essenempfang in dem Barackenlager von Firma Köthenbürger sahfolgendermaßen aus, mittags gab es diese Bunkersuppe mit Trockengemüseund Wasser, eine erbärmlich dünne Suppe. Abends gab es richtiges warmesEssen. Wir mussten im Steinbruch arbeiten; später war ich im Bürobeschäftigt. Mit dem Fahrrad musste ich beispielsweise Kurierfahrtenerledigen.

Vor Ostern kam der große Angriff auf Paderborn, am 27. März. Und denhabe ich im Stollen erlebt, stundenlang hörte man die Flieger anfliegenund nachher wieder wegfliegen, etwa fünf Uhr nachmittags, ich weiß esnoch genau. Ich hatte gehört, Bad Lippspringe sei schon besetzt.

Kriegsende und Befreiung

Es kam der 14. April 1945, ein Samstag. Seit Tagen hielt ich mich imStollen auf, zusammen mit Einwohnern, die hier Schutz gesucht hatten.Ich ging zum Stolleneingang, um zu sehen, was sich draußen tat. Da kamein kleiner, untersetzter Soldat auf mich zu, vollgepackt mitFunkgeräten und einer Maschinenpistole im Arm. Obwohl ich es wusste,fragte ich ihn in meinem besten Schulenglisch: „Are you American?” Miteinem breiten Grinsen kam die Antwort im tiefsten Bass: „Yes.” Das warein farbiger US-Soldat. Hinter ihm tauchten dann weitere Soldaten auf,denen wir versicherten, dass hier „no German soldiers” seien.

Auf der Straße rollte dann der ganze große Tross der US-Armee in denOrt. Das Glücksgefühl, das ich in dieser Stunde empfand, warunbeschreiblich. Nach zwölf Jahren Angst und Verfolgung war ich endlichfrei, ein neues Leben konnte beginnen. Aber noch war ich nicht zu Hause,noch wusste ich nichts von meiner Familie im bereits besetzten BadLippspringe.

Zu dieser Zeit war meine Mutter immer noch bei Doktor Siepmann imKrankenhaus (Josefshaus) zu ihrem Schutz. Dr. Siepmann war ja ein großerFreund unserer Familie. Während meiner Abwesenheit war in Lippspringefolgendes geschehen: Mein Vater war inzwischen auch wieder da; er warkrank zurück gekommen von der holländischen Grenze. Im Februar 1945erhielten mein Vater und meine Schwester Marga plötzlich nochmal dieAufforderung, sich in Bielefeld bei der Gestapo zu melden. Das konntenichts Gutes bedeuten. Als die beiden in Bielefeld ankamen, setzte einschwerer Luftangriff ein. Dabei wurden einige Häuser getroffen, unteranderem auch das Gestapo-Hauptquartier. Glücklicherweise konnten meinVater und meine Schwester wieder nach Hause fahren.

Nachdem die Amerikaner gekommen waren, habe ich Menden verlassen. SechsTage nach dem Einmarsch machte ich mich mit dem zurückgelassenen Fahrradeines Poliers um 6 Uhr morgens auf den Weg. In Soest konnte ich beimeiner früheren Wirtin übernachten. Immer wieder habe ich Glück gehabt,irgendwie ging es immer weiter. Auf Schleichwegen, vorbei an derzerstörten Möhnetalsperre, und über die damals völlig leere Bundesstraße1, sah ich an diesem strahlenden Frühlingstag schon von weitem den halbzerstörten Turm des Paderborner Doms und musste mir durch die Trümmerder Stadt meinen Weg bahnen.

Kurz vor Bad Lippspringe, auf dem Radweg, stand plötzlich eine Frau, diemich stürmisch umarmte. Es war unser früheres Kindermädchen, ÄnneKerstein, die Tochter des Holzschuhmachers Kerstein. Sie wollte zu ihremGarten und hatte eine Thermosflasche echten „Muckefuck”, alsoMalzkaffee, in ihrer Tasche. Selten hat mir ein Willkommenstrunk sogeschmeckt wie dieser. Und am Dammhof, im Haus meiner Eltern, gab es einglückliches Wiedersehen.

Zur Gerichtsverhandlung in Paderborn (Juli 1949)

Der spätere Prozess um die Vorgänge der Reichspogromnacht in BadLippspringe ging so aus: Alle Angeklagten gaben sich natürlichunschuldig wie die Lämmer, sie wussten von gar nichts. Ihre Aussagensind damals auf Tonband aufgenommen worden; es gab dazu eine Ausstellungvor einigen Jahren, die durch einige Städte hier gegangen ist. Auch inPaderborn und Bad Driburg war die Ausstellung, bei der man imOriginalton hören konnte, was die Angeklagten damals ausgesagt haben. Dawar zum Beispiel der SA-Sturmführer Burkhardt, der sagte: „Ich habe nurin der Ferne so etwas gehört, ich dachte, die Juden sollten (in derLippequelle) getauft werden”. Das waren Aussagen, die ein deutschesGericht zehn Jahre später zur Kenntnis nahm, ohne darauf zu reagieren.Alle Angeklagten wurden freigesprochen. Die deutschen Zeitungen habendann über diesen Prozess berichtet und nannten ihn den „Schandprozessvon Paderborn”. Eine Schweizer Zeitung, ich habe den Auszug heute noch,schrieb darüber, in dieses Gericht müssten Donner und Blitz einschlagen.Das waren die Reaktionen. So viel zu dem Prozess in Paderborn – alleAngeklagten freigesprochen, die Schande von Paderborn.

Persönliches Fazit von Elfried Naumann

Trotz allem, was wir in dieser schlimmen Zeit erlebt haben, sage ich,kein Blick zurück im Zorn, nur eine große Dankbarkeit, dass man mit demLeben davongekommen ist. Aber die Geschehnisse dieser Zeit dürfen wirnicht vergessen. Deshalb will ich das weitergeben an die jungeGeneration.

Jetzt ist der Krieg Vergangenheit, der Zweite Weltkrieg ist lange zuEnde; vor über 70 Jahren war der 9. November 1938 – eine lange Zeitauch für ein Menschenleben. Und da habe ich gedacht, wir, die damalsDavongekommenen, wir haben auch eine Verpflichtung, besonders gegenüberder jüngeren Generation. Um ihnen zu sagen, wie es eigentlich damals warund was wir erlebt haben. Denn es gibt ein jüdisches Sprichwort, dasheißt sinngemäß: „Wirklich tot ist nur derjenige, der vergessen wordenist.” Und gegen das Vergessen wehre ich mich, und auch andere tun dies.Wir sind eben die Generation der Zeitzeugen, die immer weniger werden.Und insofern habe ich mich entschlossen, nun über meine persönlichenErlebnisse zu berichten. Ich weiß nicht, wie lange es noch möglich seinkann.

Und so war ich im November 2009 in Bielefeld, im großen Gymnasium mitzum Teil 300 oder 400 Schülern der 9. Klasse; darauf folgte eine sehrrege Diskussion, was mich gefreut hat. Da habe ich gemerkt, dasseigentlich auch bei der jungen Generation ein gewisses Interessebesteht; denn manchmal hat man schon das Gefühl, „Ach, hört doch aufmit dem Quatsch. Die Älteren, die wissen davon noch was, aber wirhaben unsere eigenen Probleme.” Ich habe eine solche Einstellung beiden Vorträgen eigentlich nicht erlebt. Aber eine Frage taucht immerwieder auf, warum ich mir das noch antue, und das in meinem Alter. MeineAntwort ist: Wir haben eine Verpflichtung, Zeugnis abzulegen;diejenigen, die noch leben und die damals gelebt haben, müssen darüberberichten, was damals geschehen ist und klar sagen, was eine Diktaturaus Menschen macht und wie sie mit Menschen umgeht.