Annemarie Kusserow

geboren am 26.01.1913 in Bochum

Portrait von Annemarie Kusserow. United States Holocaust Memorial Museum, freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Waltraud und Annemarie Kusserow

Portrait von Annemarie Kusserow. United States Holocaust Memorial Museum, freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Waltraud und Annemarie Kusserow

Portrait von Annemarie Kusserow. Jehovas Zeugen, Archiv Zentraleuropa

Portrait von Annemarie Kusserow. Jehovas Zeugen, Archiv Zentraleuropa

Annemarie besuchte ab April 1919 die evangelische Schule in Bochum, aus der sie 1927 entlassen wurde. Von 1928 bis 1930 ging sie auf die kaufmännische Schule der Industrie- und Handelskammer Bochum und arbeitete danach zunächst als Hotelvolontärin. 1931 zog die Familie nach Bad Lippspringe.

1936 kam es durch das NS-Regime zu Massenverhaftungen von Bibelforschern (Zeugen Jehovas). Daraufhin verbreiteten die Bibelforscher, die noch frei waren, am 12. Dezember 1936 im ganzen Land eine Resolution (Luzerner Resolution). In dieser wurde deutlich die Entschlossenheit der Bibelforscher zum Ausdruck gebracht, im Sinne des Bibelverses aus Apostelgeschichte, Kapitel 5, Vers 28 Gott mehr zu gehorchen als den Menschen. Mit der blitzartigen, reichsweiten Verteilung des Offenen Briefes am 20. Juni 1937 reagierten die Bibelforscher auf den Vorwurf der Nationalsozialisten, dass die vorherige Resolution frei erfundene „Gräuelpropaganda“ enthalten würde. In dem Offenen Brief wurden schonungslos Einzelheiten über die staatspolizeilichen Übergriffe gegen die Bibelforscher, die konkreten Namen sowohl der brutalen Täter als auch der schwer Misshandelten genannt. Es wurden die Namen von Beamten sowie die Zeitpunkte und Orte der Verhaftungen angeführt. Für diese Aktionen hatte Annemarie Tausende von vorbereiteten Adressen aus dem Paderborner Raum besorgt.1

Aufgrund einsetzender wirtschaftlicher Schwierigkeiten zog Annemarie von Bad Lippspringe nach Berlin, wo sie als Sekretärin tätig war.

1940 erhielt sie eine erste Vorladung von der Staatspolizeileitstelle Berlin, die mit einer Verwarnung endete. Daraufhin wurde das Verfahren zunächst eingestellt.

Dadurch, dass Annemarie in Berlin wohnte, war es ihr möglich, Kontakt zu ihrem Bruder Wolfgang zu halten, der sich bereits im Gefängnis Berlin-Moabit befand. Bis zu seiner Hinrichtung besuchte Annemarie ihn so oft wie möglich im Gefängnis. Bei diesen Besuchen wurde ihr immer wieder nahegelegt, ihren Bruder dahingehend zu beeinflussen, dass er doch den Kriegsdienst aufnehmen soll, damit er am Leben bleiben würde. Ihre Antwort war: „Wenn mein Bruder wüsste, dass ich ihn mit solchen Gedanken besuchen wollte, dann würde er mich gar nicht empfangen.“2

Annemarie selbst wurde am 25. Oktober 1944 in Berlin verhaftet. Bis dahin war es ihr möglich, den Kontakt zu ihrer Familie aufrechtzuerhalten. Sie war die Einzige, die bis zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch in Freiheit war. Alle anderen Familienmitglieder, ihre Eltern und ihre Geschwister, waren bereits in ganz Deutschland in verschiedenen Haftanstalten inhaftiert.

Annemarie kam zunächst in ein Gefängnis am Alexanderplatz und anschließend in die Untersuchungshaftanstalt Berlin-Alt Moabit. In einer Nachtragsanklage vom 10. Dezember 1944 wurde ihr vorgeworfen, dass sie wiederholt mit Bekannten zusammengetroffen war, um biblische Unterhaltungen zu führen und sich sonst im Glauben zu erbauen. Wegen dieser „Verfehlungen“ und weil sie biblische Zeitschriften im Hause hatte, wurde sie zu vier Jahren Zuchthaus und Ehrverlust verurteilt.3

Im Juli 1945, wurde Annemarie aus dem Zuchthaus Hamburg-Fuhlsbüttel nach neun Monaten befreit.


  1. Kusserow, Hans Werner, Der lila Winkel, Köln, 2005, S. 49. ↩︎

  2. Idem, S. 128. ↩︎

  3. Idem, S. 88. ↩︎