Franz Kusserow

geboren am 25.01.1882 in Gutzmin (Pommern)

Franz Kusserow. Jehovas Zeugen, Archiv Zentraleuropa

Franz Kusserow. Jehovas Zeugen, Archiv Zentraleuropa

Franz Kusserow wurde zunächst Berufssoldat. 1913 begann er seinen Dienst als Postbeamter und 1914, kurz vor Ausbruch des ersten Weltkriegs, meldete er sich freiwillig zum preußischen Heer.

Nachdem er im ersten Weltkrieg an der Front kämpfte und sich viele Sinnfragen stellte, bekamen er und seine Frau Kontakt zu Bibelforschern. Sie ließen sich 1924 nach eingehender Beschäftigung mit den biblischen Grundsätzen als Bibelforscher (später: Zeugen Jehovas) taufen. Er setzte sich gemeinsam mit seiner Familie engagiert für seine Glaubensüberzeugung ein. Aus diesem Grund zog er mit seiner Familie im Frühjahr 1931 von Bochum nach Bad Lippspringe.

Aufgrund seiner gelebten Glaubensüberzeugung wurde er am 9. Mai 1936 festgenommen. Wenige Tage später, am 13. Mai 1936 erging daher ein Schutzhaftbefehl von der Preußischen Geheimen Staatspolizei, Staatspolizeistelle Bielefeld. Demnach habe er „sich trotz Verbots der Internationalen Bibelforscher-Vereinigung bis in die letzte Zeit hinein weiterhin für diese Organisation illegal betätigt. Sie stehen in dem dringenden Verdacht, den organisatorischen Zusammenhalt der I.B.V. wieder hergestellt und aufrecht erhalten zu haben. Durch Ihr Verhalten haben Sie die öffentliche Ordnung und Sicherheit gefährdet. Ihre Inschutzhaftnahme ist zur Vermeidung weiterer Störungen erforderlich.“ Franz blieb bis zum 24. März 1937 in den Haftanstalten Paderborn und Bielefeld inhaftiert.

Kurz nach seiner Freilassung beteiligte sich Franz am 20. Juni 1937 zusammen mit seiner gesamten Familie an der blitzartigen, reichsweiten Verteilung des Offenen Briefs „an das bibelgläubige und Christus liebende Volk Deutschlands“. 1938 wurde Franz Kusserow erneut wegen der gleichen „Tat“ verurteilt und vom 11. Mai 1938 bis zum 16. August 1940 in den Gefängnissen Bochum und Dietz/Lahn eingesperrt.1 Während der Haftzeit wurde auch ein Urteil in einem Dienststrafverfahren gegen ihn als Beamten ausgesprochen. Seit 1920 war er aufgrund seiner schlechten Gesundheit infolge der Kriegsstrapazen bereits Pensionär. Er bekam ein Ruhegehalt, das ihm ermöglichte, die 13-köpfige Familie zu versorgen. Dieses Gehalt wurde um 60 % gekürzt, weil er wegen seiner Bibelforschertätigkeit im Gefängnis war.2

Am 16. August 1940 wurde Franz aus dem Gefängnis Dietz entlassen. Sofort versuchte er Kontakt zu seinen drei jüngsten Kindern aufzunehmen, die ihren Eltern 1939 von heute auf morgen entrissen und in NS-Erziehungsheime gebracht worden waren. Auch das wurde den Eltern wie zuvor verwehrt. Es gab lediglich kurze, geheime Treffen mit den Kindern.

Am 3. April 1941 erfolgte eine erneute Verhaftung aufgrund von illegaler „Betätigung für die Internationale Bibelforscher-Vereinigung und illegalen Zusammenkünften mit Gleichgesinnten“.3 Franz Kusserow wurde mit fünf Jahren Zuchthaus bestraft. Er wurde in das Zuchthaus Kassel gebracht. Dort waren die meisten Gefangenen „Kriminelle und Schwerverbrecher“4 und der Umgang „äußerst streng und brutal“. Er durfte in den ersten sechs Monaten weder Besuche empfangen noch Briefe schreiben, obwohl seine noch freien Töchter auf seine Hilfe angewiesen waren. Während er seine Strafe absaß, musste Franz erfahren, dass nach seinem Sohn Wilhelm auch sein Sohn Wolfgang aufgrund von Wehrdienstverweigerung hingerichtet worden war. Diese Nachricht durfte ihm nicht persönlich von einem Familienmitglied mitgeteilt werden, sondern wurde vom Zuchthaus an ihn übermittelt. Weitere Jahre vergingen in diesem harten Zuchthaus. Franz Kusserow hatte nicht nur wegen seiner Kriegsverletzung, sondern auch wegen der schlechten Behandlung Gesundheitsprobleme.4

1945 wurde er durch die alliierten Streitkräfte aus dem Zuchthaus in Kassel-Wehlheiden befreit. Aufgrund seines geschwächten Gesundheitszustandes wurde er für vier Wochen in ein Krankenhaus eingeliefert. Danach wurde er von seinen Kindern Hildegard und Hans Werner auf dramatische Weise auf einem Viehtransporter nach Hause geholt. Am 11. Juli 1950 starb Franz Kusserow an den Folgen der Haftstrapazen in Bad Lippspringe.


  1. Idem, S. 64, Abs. 4 ↩︎

  2. Idem, S. 65 ↩︎

  3. Idem. S. 81, Abs. 1 ↩︎

  4. Idem, S. 101-103 ↩︎