Hilda Kusserow

geb. Eichhorst, geboren am 09.07.1888 in Dembogora (heute: Dębogóra, Polen)

Hilda Kusserow. Jehovas Zeugen, Archiv Zentraleuropa

Hilda Kusserow. Jehovas Zeugen, Archiv Zentraleuropa

Hilda wurde evangelisch erzogen und mit 14 Jahren konfirmiert. Hilda arbeitete als Hauslehrerin. Im Juni 1911 heiratete sie Franz Kusserow. Nachdem ihr Mann im ersten Weltkrieg an der Front kämpfte und sich viele Sinnfragen stellte, bekamen sie Kontakt zu Bibelforschern, die ihnen anhand der Bibel ihre Fragen beantworteten. Nach eingehendem Studium der Bibel ließen sie sich 1924 als Bibelforscher (später: Zeugen Jehovas) taufen.

Aus der Ehe gingen insgesamt 11 Kinder hervor, denen sie liebevoll biblische Werte vermittelten. Ab dem Jahr 1933, in dem Hitler Reichskanzler wurde, hatte sie besonders als Mutter viele Härten durchzustehen. Sie erlebte viele Haudurchsuchungen, wurde immer wieder verhaftet und musste ertragen, wie ihr ihre Kinder teilweise weggenommen, eingesperrt und sogar hingerichtet wurden.

Im Frühjahr 1936 wurde sie zum ersten Mal für zwei Monate verhaftet, weil sie aus religiöser Überzeugung nicht an den Wahlen teilnahm. Hiervon ließ sie sich jedoch nicht einschüchtern. Während ihr Mann inhaftiert war, beteiligte sie sich am 12. Dezember 1936 zusammen mit ihren Kindern an der Verbreitung einer Resolution (Luzerner Resolution), in der deutlich die Entschlossenheit von Jehovas Zeugen zum Ausdruck gebracht wurde, trotz Verfolgungs- und Repressionsmaßnahmen seitens des NS-Regimes im Sinne des Bibeltextes aus Apostelgeschichte, Kapitel 5, Vers 29 Gott mehr zu gehorchen als den Menschen. Mit der blitzartigen, reichsweiten Verteilung des Offenen Briefes am 20. Juni 1937 reagierten die Bibelforscher auf den Vorwurf der Nationalsozialisten, dass die vorherige Resolution frei erfundene „Gräuelpropaganda“ enthalten würde. In dem Offenen Brief wurden schonungslos Einzelheiten über die staatspolizeilichen Übergriffe gegen die Bibelforscher, die konkreten Namen sowohl der brutalen Täter als auch der schwer Misshandelten genannt. Es wurden die Namen von Beamten sowie die Zeitpunkte und Orte der Verhaftungen angeführt. An diesen beiden Aktionen (Verbreitung der Resolution und des Offenen Briefes) beteiligte sich Hilda zusammen mit ihrem Mann und ihren Kindern.

Den ersten schmerzlichen Verlust musste Hilda hinnehmen, als ihr Sohn Siegfried 1937 an den Folgen eines tragischen Sportunfalls starb. Ihr Mann Franz wurde immer wieder verhaftet, freigelassen und wieder eingesperrt, sodass sie oft auf sich allein gestellt war. 1939 verloren Franz und Hilda das Sorgerecht für ihre drei jüngsten Kinder, die in ein NS-Erziehungsheim kamen. 1940 wurde ihr ältester Sohn Wilhelm wegen Kriegsdienstverweigerung hingerichtet, zwei Jahre später, 1942, auch ihr Sohn Wolfgang, ebenfalls wegen Kriegsdienstverweigerung Alle anderen Familienmitglieder wurden nach und nach verhaftet, entrechtet und teilweise schwer misshandelt.

Die drei jüngsten Kinder, Elisabeth, Hans Werner und Paul Gerhard, die der Familie einfach weggenommen worden waren, waren erst 7, 10 und 13 Jahre alt. Als liebevolle und fürsorgliche Mutter versuchte Hilda mit aller Macht, ihre drei Kinder sehen zu können. Eine offizielle Besuchserlaubnis bekam sie nicht. Sie wurde ihr mit Schreiben vom 15. Januar 1940 von der Heimleitung der NSD-Jugendheimstätte Nettelstedt untersagt. Nur mit Hilfe von anderen gelang es ihr, ihre Kinder wenigstens ein paar Mal im Geheimen treffen zu können.

Sie selbst wurde am 3. April 1941 verhaftet und zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt, da ihre Glaubensausübung als Bibelforscherin als Teilnahme und Unterstützung einer wehrfeindlichen Verbindung1 ausgelegt wurde. Zunächst kam sie in die Übergangsgefängnisse Bielefeld und Paderborn und anschließend in das Zuchthaus Anrath bei Krefeld.2 Selbst im Gefängnis machte sie ihrer Familie durch den in ihren Briefen ausgedrückten Optimismus und Lebenswillen stetig Mut.3

Am 3. April 1943 hatte Hilda Kusserow ihre Strafe im Zuchthaus abgesessen. Es sollte der Tag ihrer Entlassung und ein freudiges Wiedersehen mit ihrer Familie werden. Sie sollte nur noch eine Verpflichtungserklärung unterschreiben, mit der sie sich – um den Preis ihrer religiösen Überzeugung – ihre Freiheit hätte erkaufen und ihre Familie wiedersehen können. Für sie kam es aber nicht in Frage, ihren Glauben und ihre Familie zu verraten. Daher weigerte sie sich, diese Erklärung zu unterschreiben. Daher wurde erneut verhaftet und direkt in das KZ Ravensbrück überstellt.

Nach ihrer Ankunft im KZ Ravensbrück erhielt Hilda Anstaltskleidung, die mit einem lila Stoffdreieck versehen war. Durch diesen lila Winkel waren Hunderte von Zeugen Jehovas als eine eigene Häftlingskategorie gekennzeichnet und stigmatisiert. Aufgrund ihrer Zuverlässigkeit kam Hilda in die Kontrolle für Briefpost, half später in der Arbeiterkantine aus, durfte Lebensmittel besorgen und für die arbeitenden Frauen kochen. Auch Hildas Töchter Magdalena und Hildegard kamen etwas später in das KZ Ravensbrück.

Im Rahmen der Räumungsaktion des KZ Ravensbrück Ende April 1945 wurden Hilda und Magdalena von den SS-Offizieren in eine Gruppe, bestehend aus 40 Frauen, eingeteilt und auf einen über 100 Kilometer langen Todesmarsch in Richtung Parchim geschickt. Dort sollten sie letztendlich von den SS-Bewachern ermordet werden. Während des Todesmarschs mussten sie immer wieder vor Tieffliegerangriffen in Deckung gehen und so geschah es, dass nach zwei Tagen Fußmarsch, weiteren Fliegerangriffen und dem sich daraus resultierenden Durcheinander die Gruppe von den SS-Bewachern getrennt wurde und den Frauen die Flucht gelang.

Nach fünf Monaten beschwerlicher Heimreise erreichten sie endlich Bad Lippspringe. Dort warteten schon die überlebenden Familienmitglieder auf sie.


  1. Kusserow, Hans Werner, Der lila Winkel, Bonn 11998, S. 85, Abs. 6. ↩︎

  2. dem, S. 111 f. ↩︎

  3. Idem, S. 112, Abs. 5. ↩︎